1917 | La Feuille

Antikriegszeichnungen

Masereel arbeitet an der von Jean Debrit gegründeten Tageszeitung „La Feuille“ mit, für die er bis 1920 nahezu täglich Anti-Kriegszeichnungen schafft; die ersten beiden Holzschnitt-Alben erscheinen in Genf: „Debout les Morts“ und „Les Morts parlent“; er illustriert den Band „Quinze Poèmes“ von Emile Verhaeren mit 47 Holzschnitten; Bekanntschaft und Freundschaft mit Stefan Zweig, der in den folgenden Jahren intensiv zur Verbreitung des Masereelschen Werks beiträgt

Frans Masereel: Bilder

“Formen und Farben sind da, sie sind unter uns mit ihren Schätzen an Leben und Freude. Von überallher umgeben sie uns und bieten unseren erstaunten Augen Bilder! Freunde, lernen wir, sie wahrzunehmen. Geben wir uns Mühe, ihr Reichtümer enthaltendes Gefüge zu befragen; genießen wir die arglose und natürliche Freude, die aus der unbefangenen Beobachtung einer jeden entspringt. Betrachten wir die Gegenstände, die uns umgeben, die einfache Schönheit der Form und der Farbe der nützlichsten unter ihnen und lieben wir ihren Anblick. (…) Seht dort unten die Kreuzung, wimmelnd von schwarzen Silhouetten, diese Verwicklung flüchtiger Formen! Seht die hellen und schnellen Flecken schlanker Frauen, die erscheinen und dann verschwinden. Seht die Bewegungen, die Farben, dieses Leben vor der schmucklosen und gewaltigen Unbeweglichkeit der Architektur. (…) Nähern wir uns andächtig und untersuchen wir jede Pflanze, jedes Gras, jede Blume, alles Leben. Laßt uns von den Blumen die Schönheit der Umrisse, die Harmonie der strahlenden Farben lernen. Betrachten wir die lustigen Flecken, die sie im Ganzen bilden. Welche Freude, den genauen Aufbau der geringsten Gräser oder die vertraute Farbe der bescheidensten Blume zu verstehen. Laßt uns sehen, wie sich das schlanke Schilfrohr im Teich spiegelt. Beachten wir auch die Anmut der kleinen Fische, die unter der Wasseroberfläche schwimmen. Freunde, schauen wir, lernen wir alles, was in der Natur ist, zu sehen, und lieben wir die Bilder, die sie an uns verschwendet. Das ist eine Freude, neu für viele unter uns, die ich Euch vorschlage. Die schönsten Schauspiele befinden sich in Sichtweite, erleben wir sie. Freunde! Schaffen wir uns die heilsame Freude, die Augen zu öffnen und zu sehen.” (“Les Tablettes”, 1. Jg. Nr. 4, Januar 1917, S. 4)

Stefan Zweig am 2. Dezember in seinem Tagebuch

“Morgens zu Masereel, der mir sehr gefällt, immer besser eigentlich von Stunde zu Stunde. Wie er lachen kann! Wie sein gutmütiges flandrisches Gesicht doch voll Kraft ist und welche Ruhe wieder gewinnt Fülle von diesem Wissen. Aber die wahre Überraschung erwartet mich erst bei ihm zu Hause. Sein(e) Werkstätte, seine Wohnung eine Dachstube in einem verfallenen Bauernhaus inmitten der Stadt, ganz hölzern mit einem zerstrubelten Garten. Proletarierhaus, und das eben hier in Genf, das noch eine gewisse Ländlichkeit in sich hat. Ich sehe seine Arbeiten und bin frappiert wie schon lange nicht. Die Serie “Les Villes” hundertfünfzig Schwarzweiß-Zeichnungen gehören zum Großartigsten, das ich jemals sah. Die ganze Stadt, aber wirklich die ganze mit ihrer ungeheuren Dynamik, ihrer Geschwindigkeit, ihrer gemeinen Geste in tausend Formen. Eine Vibration, die unerhört ist. Der Mensch darin auch massenhaft: unphysiognomisch. Er hat kein Einzelgesicht. Ist nur Stand, Tracht, Conglomeratbestandteil. – Welcher Strich! Und wie ganz ohne Absicht. Kein Stil: Japan, Hokusai, Der Cubismus, der Expressionismus – alles ist darin verarbeitet, aber in die Hand geflossen, wie der Strich frei und sicher vorspringt. Die anderen Zeichnungen, Landschaften, Holzschnitte (Alles ohne Farbe) gleich stark im technischen Sinne. Aber hier, in diesem Stadtbild, spürt man das unendliche Auge, das jede Bewegung frißt, verdaut. Dieser stille schwere Mensch hat hinter seine(n) Brillen, den listig geschobenen, eine Macht wie wenige in der Welt.” (Tagebücher, Frankfurt a.M. 1984, S. 283/284)

Friderike Zweig

“Frans war damals noch sehr jung. Er war mit einer um mehrere Jahre älteren, prächtigen Frau verheiratet, die eine reizende halbwüchsige Tochter hatte. Um auszusehen wie ein richtiger Hausvater, der er immer war, ließ er sich einen Bart um das blutjunge Gesicht wachsen und glaubte nun, Ohm Krüger zu gleichen. Halb Handwerker, halb Künstler saß er zwischen Hunderten von Blöcken, die er sich selbst aus Stämmen von Kirschbäumen hobelte.” (Stefan Zweig. Wie ich ihn erlebte, Berlin 1948, S. 83)

Ludwig Rubiner

“Dem Zeichner Frans Masereel habe ich Unrecht getan. Ich nannte ihn einen Beschreiber der Ereignisse. Aber seitdem hat er der Zeitschrift ‘Tablettes’ das Titelbild ‘Assez!’ gegeben, das Vorbild für alle Leser und Beschauer, laut und wild gegen den Krieg ’Halt!’ zu schreien. Seitdem hat er in der Genfer Zeitung ‘La Feuille’ Tag um Tag eine Propagandazeichnung gegen den Krieg, gegen Gemeinheit, gegen Ungerechtigkeit, gegen Vergewaltigung. Für Menschlichkeit. Für Heilung und Aufrichtung. Tag um Tag eine aufopfernde Arbeit in zeichnerischen Flugblättern, die auf Kunstgeniessertum, Schönheitsgetue, Atelier-Parasitentum verzichten. Wer das macht, kommt nicht mehr zum Bildermalen. Dem ist klar, dass heute das im Atelier zusammengepinselte Tafelbild nur Kunstdienerschaft vor einer sublim angestachelten Kapitalistenzeit ist. Wer einst nur Maler war und seitdem Mensch geworden ist, der malt keine Bilder mehr, der wirft das Flugblatt unter das Volk. Und dieser Frans Masereel, glaube ich, ist ein Mensch.” (“Zeit-Echo”, 3. Jg. 1917, August-Septemberheft, S. 49)

 


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